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ANGST IST ANLASS WEGZURENNEN, NICHT ABER BEWEGGRUND

MAI 22#1

Ich muss etwas ausholen, um zu beschreiben, worum es geht:

Es fällt immer wieder auf, dass es Klienten bei den ZIELVEREINBARUNGEN leichter fällt, zu formulieren, was sie vermeiden möchten.

Es besteht scheinbar eine quantitative und qualitative Dominanz dessen, was man vermeiden oder was man eben NICHT WILL, gegenüber dem, was man MÖCHTE, oder ERREICHEN will.

Insofern und hintergründig bedeutet das auch, dass Angst und Bedrohung motivational mächtiger sind, als Lust?

Ist Lust überhaupt das Gegenstück, die umgekehrte Entsprechung, zur Angst?


Ich erinnere mich an S., Klient vor einigen Jahren, Anfang 50 damals - und seit über 30 Jahren „an der Nadel" hängend.

Er wollte „raus", so schnell wie möglich.

( Paradoxerweise wird das allenthalben immer wieder auf diese Art formuliert, „rauswollen", aus der Sucht, wobei es eigentlich und vielmehr ja darum geht, wieder „rein" zu kommen, zurück ins Leben, welches man zugunsten und für die Dauer des Stoffes emotional und sozial beendet oder unterbrochen hatte. )

Was war passiert?

Was veranlasst einen 52jährigen Langzeit-User, Altjunkie, nach über drei Jahrzehnten dazu, diese „Absicht" zu entwickeln?

Nichts hatte ihn biographisch bislang derart veranlassen können, weder seine Hochzeit, noch die Geburt oder Existenz seiner beiden Kinder.

Dann aber, vor einer Woche:

Diagnose Pankreas-Karzinom.

Schlechte Prognose, aber nicht aussichtslos, was ohnehin schon im Falle des Bauchspeicheldrüsenkrebses ungewöhnlich ist, aber dann bestätigt wurde, durch Einholen der gesichert-ärztlichen Diagnostik, die er direkt auf Aufforderung mitbrachte - es war ihm wirklich „ernst".

Im Normalfall denkt man ja eher, okay, schaut halt schlecht aus, der Mann und die Situation, er kann ja einfach weitermachen, jetzt erst Recht, jetzt auch wirklich keinerlei Gründe mehr, etwas zu verändern.

Die ANGST vor dem Tod aber, oder, besser noch, vor dem STERBEN, waren aber eine derart heftige und starke Motivation, dass er sich Hilfe suchte, aufhören wollte zu drücken, um NICHT STERBEN zu müssen, noch nicht.

( Lebens-)Bedrohungen sind solche unmittelbaren und machtvollen Motivationen.

Die ( Todes-)Ängste, die dadurch entstehen, umso mehr.

Was sie aber NICHT sind:

Nachhaltige BEWEG-GRÜNDE.

Können sie nicht sein oder werden, weil sie nicht intentional verankert- und somit Teil von zu Veränderung veranlassenden Tiefenstrukturen sind.

Wenn der Angst die Lust entspricht, dann braucht es die Ausrichtung auf etwas, was LEBENSLUST generiert, worauf sich aktiv ausgerichtet wird, was fortan als eine Art STREBEVERMÖGEN waltet und fungiert, hinsichtlich des

ZU ERREICHENDEN.

Die Lücke und der Raum, der durch Wegfallen des Vermiedenen ( im konkreten Fall: der Tod ) entsteht, muss besetzt und belebt werden, das Potential ( im konkreten Fall: das Leben ) definiert und die Definition eingeleibt, verinnerlicht.

Es muss also impulsgebend, grundsätzlich und übergeordnet eine ENTSCHEIDUNG getroffen werden - das klingt banal und wird in jeder Apotheken-Rundschau nachzulesen sein, ist aber deswegen nicht weniger richtig.

Nur steht diese Entscheidung eben NICHT am Anfang, wie allenthalben behauptet wird, kann sie gar nicht, denn das Treffen von Entscheidungen unterliegt intersubjektiv vollzogenen ( bzw. nachgeholten ) Reifevorgängen.

Absichten lassen sich schnell äußern, Willensbekundungen sind beinahe jedem und jederzeit möglich, wirkliche ENT-SCHEIDUNGEN aber entsprechen Prozessen, die auf entwickelter Konfliktfähigkeit ebenso aufbauen, wie diese wiederum auf entstehende bzw. vorhandene Frustrationstoleranz zurückgreift.

Das verweist nicht alleine auf sozio-kommunikologische Wissenschaftstheorie, sondern ist vielmehr dokumentierte und evaluierte Erfahrung der praktischen Arbeit von HYGIAGOGEN mit Klienten, und somit empirisch nachvollziehbar - und gewiesen.

Zurück zu S.:

Die Prognose veränderte sich damals tatsächlich, auch durch die ihm "ermöglichte" ( Zitat S ) Abstinenz.

Es sah gut aus, zunächst.

ER sah - vielleicht noch nicht gut oder gesund - jedenfalls aber besser aus.

Er hatte Zuversicht, kam in Bewegung, nicht nur körperlich.

Als dann aber, im Zuge der sich verändernden Prognose und der sich verschiebenden und ja tatsächlich auch entstehenden Perspektiven, die unmittelbare LEBENSBEDROHLICHKEIT wegfiel - und damit auch die ANGST VOR DEM STERBEN kein dominantes und bedrängendes Gefühl mehr darstellte - wurde er bald rückfällig und beendete mit einem „Danke für Alles", das er beim Abschied ( rückblickend war das ein Solcher ) äußerte, an mir vorbeisehend, da der direkte Augenkontakt den Blick auf seine Stecknadelpupillen freigelegt hätte, fast schamhaft die Termine.

Das Vermeidungsziel Sterben hatte sich nicht intentional heben lassen, zu etwas

  • das er diesem hätte entgegenstellen können
  • das eine Entsprechung bedeutet hätte
  • auf das er sich hätte ausrichten können

…oder wollen.

ANGST als Solches, alleinstehend, motivational betrachtet, bleibt kurzfristige und Freud´sche„Triebfeder".

Im Rückblick wichtig und Anlass zu Selbstzweifel, zu hätte, wenn und aber…:

Dass ihm durch Abstinenz und durch Lebensverlängerung etwas ermöglicht werden würde, worauf er aktiv und nüchtern hätte reagieren müssen, erzeugte sicherlich und wiederum neue, alte Ängste und Bedrohlichkeiten. Daran war er als Abhängiger weder gewöhnt, noch entsprach dies in irgendeiner Form seiner bislang erfahrenen Lebenswelt, mehr noch, der Konsum dient ja eher schon der Vermeidung ( von LEBEN ) im Allgemeinen, und von Bekenntnis und Entscheidung im Konkreten.

Vermeidungsziele-und Strategien können alleine nicht bis zur EMPFINDUNG durchdringen, bleiben isoliert Gefühl oder Affekt, es stellt sich keine tiefere, empfundene Verbindung her, zwischen denken und fühlen.

Ein verzweifelt in die Welt gebrülltes „ICH WILL NICHT STERBEN" ist - und bleibt auch - eine kurzfristig starke MOTIVATIONSLAGE, markiert aber noch keinen ausreichenden GRUND, sich selber und über das Moment der Vermeidung hinaus, zu BEWEGEN.

Ich muss daran und an S denken, weil ich gehört habe, dass er zurückgekehrt ist, zu seinen Wurzeln ( danke für die Möglichkeit, das SO zu sehen, AW ).

Rest in Peace, S.


Florian Giesenhagen

Dipl.Hygiagoge im HZNW Oldenburg

Trainer der Berufsakademie für integrative Gesundheitswissenschaften ( BIG ) 

in Neusiedl am See


ANM.:

Dipl.Hygiagogen ersetzen weder Ärzte, noch entfalten sie ärztliche oder kurative Tätigkeit.

Sie behandeln auch keine Krebspatienten-oder diagnosen.

Der Klient S. wurde u.a. darin unterstützt, seine gesundheitsbezogene Lebensqualität wiederherzustellen, die ihm durch jahrzehntelange Abhängigkeit abhanden gekommen war, dies mit den Mitteln der somatosensorischen Fazilation, des sensomotorischen Trainings und der metakognitiven Bildungsarbeit.

Im beschriebenen Fall wurde die ärztliche Diagnostik eingeholt und mit dem leitenden Arzt korrespondiert bzw kooperiert.


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